Das 20. Jahrhundert
Das 20. Jahrhundert begann mit einer für das osmanische Reich katastrophalen Entwicklung: im ersten Weltkrieg (1914-1918) verlor es an der Seite des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns weite Teile seines Territoriums, der verbleibende Rest des Landes sollte unter den Einfluss der Siegermächte (Großbritannien, Frankreich, Griechenland, Italien) gestellt werden. Die Siegermächte besetzen Kleinasien, aber schon bald regt sich Widerstand gegen die Besetzung. Einer der Führer des Widerstandes: ein im ersten Weltkrieg verdienter General namens Mustafa Kemal, den 10 Jahre später jeder Türke als Atatürk kennen sollte. Zuvor ereignete sich jedoch noch eine eher unangenehme Episode der jüngeren türkischen Geschichte, der Völkermord an den Armeniern.
Die Armenier lebten bereits Jahrhunderte unter türkischer Herrschaft, ihres eigentlichen Staatsgebietes enteignet. Im ersten Weltkrieg versprachen Frankreich und Großbritannien den Armeniern einen eigenen Staat auf dem Gebiet des heutigen Ostanatoliens, ihres historischen Siedlungsgebietes. Die jungtürkische Regierung befürchtete jedoch eine Verbündung der Armenier mit den Russen und somit die Schwächung der Ostfront, was sie zu einem folgenschweren Schritt veranlasste. Alle Armenier wurden im ganzen Land zusammengetrieben und unter Aufsicht bewaffneter Kräfte durch die syrische Wüste getrieben. Die Zahl der Todesopfer ist bis heute umstritten, bewegt sich jedoch zwischen 600.000 und mehr als eine Million.
Nach dem ersten Weltkrieg formierte sich rasch Widerstand gegen die Aufteilung des ehemaligen osmanischen Reiches. An seine Spitze setzte sich rasch Mustafa Kemal, der ab dem 19. Mai 1919 mit der Mobilisierung des Widerstandes begann. Im gleichen Jahr gewann seine Republikanische Volkspartei (CHP) die Wahlen, verlegte ihren Hauptsitz nach Verhaftungen in Istanbul nach Ankara und erklärte sich dort zur Türkischen Nationalversammlung, die den offiziell noch regierenden Sultan Mehmed IV. nicht anerkannte.
Der tatsächlich neu geschaffene armenische Staat war der jungen türkischen Regierung ein Dorn im Auge. 1920 begann der Befreiungskrieg, der Mustafa Kemal neben Anerkennung im eigenen Land auch Teile des alten osmanischen Staatsgebietes im Osten und die Zerschlagung des armenischen Staates einbrachte. Im gleichen Jahr musste Kemals Regierung das Land gegen ein militärisches Vorgehen Griechenlands verteidigen, das sich durch die Erfolge im ersten Weltkrieg bestärkt Teile Westanatoliens einverleiben wollte. Dieser griechisch-türkische Krieg endete 1922 mit der "Kleinasiatischen Katastrophe": vor allem in Izmir wurde die griechische Bevölkerung vertrieben oder ermordet, die Stadt niedergebrannt. Mit Unterzeichnung des Vertrages von Lausanne 1923 wurde die Türkei in ihren heutigen Grenzen anerkannt, der Vertrag von Montreux 1936 garantierte der Türkei ihre volle Souveränität.
