Islam

Das byzantinische Reich war christlich geprägt und so auch seine Einwohner. Das heutige Istanbul galt als Zentrum der Orthodoxen Kirche, die Hagia Sofia als ihr wichtigstes Bauwerk. Erst mit dem Einfall der islamisierten Turkvölker und der Entstehung des osmanischen Reiches verbreitete sich auch der Islam im Gebiet der heutigen Türkei.



Die Turkvölker, einst eurasische Nomadenvölker, die von China bis zum Ural beheimatet waren, traten nach ihrer Vertreibung in Richtung Süden ab dem 10. Jahrhundert zum Islam über. Nicht ganz freiwillig, sollte man vielleicht dazu sagen: ein sehr wichtiger Übertrittsgrund war der politisch motivierte Dschihad gegen die Turkvölker, vollzogen von islamischen Samaniden, einem persischen Stamm auf dem Gebiet des heutigen Afghanistans.

Mit der Gründung des Osmanischen Reiches änderte sich auch die Staatsreligion: der Islam galt fortan als Maßstab aller Dinge - was sich zum Beispiel auch an der Umwandlung der wichtigsten christlichen Kirche des Landes, Hagia Sofia, in die Hauptmoschee des Landes, Ayasofya, zeigte. Schon seit dem 13. Jahrhundert hatten die osmanischen Herrscher immer wieder das Kalifat für sich beansprucht. Im 16. Jahrhundert gelang es ihnen schließlich endgültig, das Osmanische Kalifat zu errichten. Praktisch bedeutete das für alle Muslime: die osmanischen Herrscher galten ab diesem Zeitpunkt als Stellvertreter Allahs und Nachfolger seines Propheten Mohammed. Somit verfügten sie über die Möglichkeit, nicht nur das geistliche Leben jedes einzelnen Moslems sondern auch seinen Alltag spürbar zu beeinflussen - auch außerhalb ihres politischen Einflussbereiches. Da man sich in islamischen Ländern beispielsweise auch in der Rechtsprechung nach dem Islam richtete, verfügten die Kalifen am Bosporus bis zu ihrer Absetzung im Jahr 1924 über ein enormes Machtpotenzial.

Seit der Gründung der türkischen Republik ist das Land laizistisch geprägt. Der "Vater der Türken", Atatürk persönlich, verfügte als Führer der Kemalisten eine strenge Trennung von Religion und Staat. Religion sollte zur Privatsache werden, äußere Zeichen von Religionszugehörigkeit wie etwas das Verschleiern von Frauen waren fortan nicht mehr erwünscht. Aber schon bald deutete sich an, dass Atatürks radikale Ansichten auch im Bereich der Religion nicht von allen Politikern des Landes vertreten wurden. Seit der Einführung des Mehrparteiensystems versuchen Politiker immer wieder, die Religion für politische Zwecke zu instrumentalisieren. In seiner heutigen Form versucht der türkische Staat, seine Hauptreligion zu kontrollieren, ohne dabei zu sehr von ihr beeinflusst zu werden. In den letzten Jahren gab es immer wieder rege öffentliche Diskussionen über das Tragen von Kopftüchern und Schleiern in öffentlichen Einrichtungen oder die zu religiös ausgerichteten Weltanschauungen einzelner Politiker oder Parteien.

Viele der türkischen Muslime, vor allem die Einwohner größerer Städte, praktizieren ihren Glauben gemäßigt und tolerieren durchaus andere Glaubensgemeinschaften, die in der Türkei offiziell Religionsfreiheit genießen. Ein großer Teil der türkischen Muslime sind Sunniten, es gibt 20 Prozent Aleviten und eine schiitische Minderheit in Ost- und Südostanatolien.