Skitour im pontischen Gebirge
Wie wir auf die Idee kamen, eine Winterbesteigung mit Tourenski im Pontischen Gebirge zu unternehmen, lässt sich im nachhinein nicht mehr klären. War es der Kick einmal alpinistisch in einer, den meisten Bergsteigern völlig unbekannten, Region unterwegs zu sein? Der Reiz des völlig unbekannten? Für die meisten von uns bedeutete Urlaub in der Türkei immer die türkisches Riviera, mit dem dazugehörigen Amusement und antike Stätten.
Für mich war es der erste Urlaub in der Türkei und ich war für die Logistik unseres bergsteigerischen Unternehmung verantwortlich. Obwohl wir uns auf die notwendigste Ausrüstung beschränkten, durften wir beim Abflug in Düsseldorf ordentlich Geld in unser Übergepäck investieren. Die Mitarbeiterinnen der Airline sahen uns ungläubig an „Zum Skifahren in die Türkei?“ Wir versuchten die Damen davon zu überzeugen, dass das pontische Gebirge sicher ein lohnendes Ziel für Skibergsteiger wie uns ist.
Nach der Landung in Istanbul, wir suchten unser Equipment relativ schnell zusammen. Anschließend suchten wir unseren Inlandsflug in das über 3.800 Kilometer entfernte Trabzon. Hier wurden wir zum ersten mal mit der legendären türkischen Gastfreundschaft konfrontiert. Wir irrten kaum ziellos auf dem Atatürk Airport herum, da kamen die ersten Einheimischen und fragten uns nach unserem Ziel. Wer erklärten auf englisch, dass wir nach Trabzon wollten und schon beratschlagten sich die Helfer und erklärten uns, wir sollten bitte an Ort und Stelle bleiben. Nach ein paar Minuten kamen sie zurück und brachten uns zum passenden Terminal nach. Eine kleine Aufmerksamkeit für ihre Hilfsbereitschaft lehnten sie ab und wünschten uns viel Glück in den Bergen.
Der Flug in diese Provinzhauptstadt dauert eineinhalb Stunden. Für drei Tage verweilten wir in Trabzon um uns die Stadt anzusehen und den Weg in die Berge vorzubereiten. Gesichert ist, aufgrund archäologischer Funde, dass diese Stadt seit 9.000 Jahren besiedelt ist. Beeindruckt waren wir von der Sophienkirche, ein Relikt aus der byzantinischen Zeit. Mittlerweile ist das ehemalige Gotteshaus ein sehenswertes Museum. Weiter gingen wir zu einer Villa im Jugendstil oberhalb von Trabzon. Der türkische Staatsgründer Atatürk hielt sich dort öfter auf. Heute befindet sich in dem Anwesen ein Museum über den „Vater aller Türken“. Ausgestellt sind in dem Atatürk Museum Fotos und persönliche Gegenstände. Da wir weniger in türkischer Geschichte bewandert waren, hatte die Ausstellung leider nur einen begrenzten Wert für uns. Beeindruckend waren auch die antiken Festungsmauern der Stadt. Wir konnten uns einen sehr guten Eindruck von der Wehrhaftigkeit Trabzons verschaffen.
Pittoresk war der historische Stadtteil Ortahisar. Die sehr liebevoll renovierten alten Häuser taten es uns an. Von einem Neffen des römischen Imperators Konstantin wurde in diesem Stadtteil ein großer Tempel errichtet. Auf dessen Grundmauern wurde die populärste Kirche der Stadt, die sogenannte „Goldhaupt Kirche“errichtet.
Am meisten faszinierte uns wackere Bergsteiger in Macka das Vasileon Kloster. Knapp 20 Kilometer außerhalb von Trabzon liegt diese historische Anlage. Mitten in einem dichten Waldgebiet, das unter Naturschutz steht. Die sehr gut erhaltenen Fresken der ehemaligen Kirche hinterließen einen nachhaltigen Eindruck bei uns. Dargestellt sind apokalyptische Szenen. Es brauchte wenig Fantasie, um sich vorzustellen, wie diese Malereien im Mittelalter die Menschen beeindruckten.
Wir waren jedoch nicht nur aus kulturellen Gründen in diesen Teil der Türkei gereist, sondern um einen Berg mit den Tourenskiern zu besteigen. In der Stadt fanden wir einen Jeep mit dazugehörigen Fahrer, der uns nach Gümüsane im Hinterland von Trabzon brachte. Es lag eine derartige Menge Schnee, dass wir teilweise zu viert den Jeep freischaufeln mussten. Nach mehreren Stunden Fahrt, die immer wieder vom Schneeschaufeleinsatz unterbrochen wurde, kamen wir in der Kleinstadt an. Ohne Problem fanden wir dort eine rustikale und einfache, aber sehr saubere Unterkunft. Die erste Skitour führte uns in die Bergstadt Hadrak. Diese liegt auf exakt 2.000 Meter über Normalnull. Als wir mit unseren Rucksäcken und Tourenskiern aufbrachen, sprach es sich schnell in Hadrak rum. Im Nu waren wir das Stadtgespräch und wir mussten immer wieder die Funktionsweise unserer Tourenski erklären. Es war eine anstrengende Tour über zwei Tage, bis wir Hadrak erreichten. Zu schaffen machte uns der schwere Schnee und die Kälte in unserer ersten Zeltnacht. Der erste Teil unserer Tour war eine gepflegte, lange Abfahrt ins Tal. Dort schlugen wir unser erstes Quartier auf. Es folgte ein Schweiß treibender Anstieg in die Bergstadt. Auf dem Weg dorthin beunruhigte uns die instabile Schneelage. Immer wieder gingen Schneebretter unvermittelt ab. In Hadrak wurden wir freundlichst aufgenommen. Einheimische rieten uns eindringlich von der geplanten Skitour auf den 3063 Meter hohen Gipfel vis a vis von Hadrak ab. Wir sahen es auch ein, dass der Aufstieg sinnlos und zu gefährlich war. Die hilfsbereiten Bewohner organisierten uns einen Jeep zurück mach Trabzon und wir beschlossen, anstatt der Skitour eine Woche Urlaub in Istanbul einzulegen. Ein Entschluss, den wir nicht bereuen sollten.
