Die Türkische Republik
Der Gründer der heutigen türkischen Republik ist Atatürk, das weiß in der Türkei jedes Kind. Nachdem 1922 bereits der Sultan und seine Regierung abgesetzt worden waren, rief Mustafa Kemal, so der eigentliche Name Atatürks, am 29. Oktober 1923 die türkische Republik mit der Hauptstadt Ankara aus. Bekannt und größtenteils beliebt ist der Staatsgründer bis heute vor allem aufgrund seiner tief greifenden Reformen: nach der Abschaffung des Sultanat und des Kalifats folgte eine konsequente Westausrichtung aller Lebensbereiche. Die religiösen Gerichte wurden durch unabhängige Richter ersetzt, seit 1926 gelten Gesetze auf Basis des Schweizer Zivilrechts in Verbindung mit der Einehe und der Gleichstellung von Mann und Frau. Wussten Sie, dass türkische Frauen bereits seit 1930 das aktive und seit 1934 das passive Wahlrecht besitzen? Auch das deutsche Handelsrecht und das italienische Strafrecht wurden übernommen und türkischen Verhältnissen angepasst.
Neben dem Recht wurden aber auch viele andere Bereiche des Lebens reformiert: die Kleiderreform verbietet das Tragen traditioneller Kleider und Kopftücher, der Gregorianische Kalender löste den Islamischen ab, das metrische System wurde ebenso eingeführt wie die Lateinische Schrift
Atatürks Ideen lassen sich auch heute noch mit den Prinzipien, den "sechs Pfeilen", des Kemalismus zusammenfassen. Zu ihnen zählen neben türkischen Nationalismus, Laizismus und Republikanismus auch Etaismus (staatliche Lenkung der Wirtschaft), Revolutionismus und Populismus. Das Problem, das Atatürk und seine Partei CHP bei der Durchführung ihrer Reformen von Anfang an begleitete, war jedoch: dieser Wandel kam sehr abrupt, sehr konsequent und vor allem: von oben. Es war kein Wandel, der vom Volk ausging, sondern ein aufoktruierter Wandel "von oben", der vor allem in ländlichen Gebieten lange Jahre Befremden und Ablehnung hervorrief.
Zum politischen Programm Atatürks gehörte politische Neutralität, die die Türkei auch nach Ausbruch des zweite Weltkrieges bewahren wollte. Trotz Friedens- und Beistandsabkommen mit beiden Parteien - Deutschland und den Alliierten - kam es 1944 doch zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen, ein Jahr später erklärte die Türkei Deutschland und Japan symbolisch den Krieg, um die Charta der Vereinten Nationen mit unterzeichnen zu können. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges provozierte die Sowjetunion mehrfach Konflikte an der türkischen Ostgrenze und türkischen Meerengen, was zur Aufgabe der Neutralität der Türkei und zur offiziellen Beantragung der NATO-Mitgliedschaft der Türkei führte (Beitritt 1952). Somit hatte sich Ankara für einen West-Kurs und gegen den Warschauer Pakt entschieden.
Ab den 1960er Jahren führten mehrere Militärputsche für immer wechselnde Machtverhältnisse in der Türkei. Parteineugründungen und Umbenennungen folgten Militärputschen und die Zypernkrise, die in der Teilung der Insel und Besetzung Nordzyperns gipfelte, verschärfte die politische Situation zusätzlich. Im Laufe der 1970er bis in die 1980er Jahre hinein bedurfte es einiger Anläufe, um die stagnierende Wirtschaft wieder anzukurbeln und die immer wieder auftretenden politischen Spannungen auszugleichen. Kaum zeigten sich erste wirtschaftliche und soziale Erfolge, warteten bereits neue Herausforderungen auf die junge Republik. Die Jahrzehntelang unterdrückten Kurden organisierten sich 1978 in der Kurdischen Arbeiterpartei PKK und setzen sich seitdem - auch in Form von Anschlägen und bewaffneten Kämpfen - für ein unabhängiges Kurdistan ein. Bereits 1987 ersuchte die Türkei nach einer Reihe von Reformen und Liberalisierungsversuchen um Aufnahme in die Europäische Union, was jedoch abgelehnt wurde.
